Medizinische Leitung

Dr. Tomislav Kovačević übernimmt die medizinische Leitung der Schmerzklinik Zürich – im Interview über Neurowissenschaften und moderne Schmerzmedizin.

Dr. med. Tomislav Kovačević, Facharzt für Anästhesiologie und Medical Co-Director der Schmerzklinik Zürich, verbindet klinische Erfahrung mit einem tiefen Verständnis der Neurowissenschaften. Seine Arbeit konzentriert sich auf moderne, interventionelle Verfahren der Schmerztherapie sowie auf einen ganzheitlichen Ansatz in der Behandlung chronischer Schmerzen. Mit seiner wissenschaftlichen und klinischen Expertise trägt er wesentlich zur interdisziplinären Versorgung von Patientinnen und Patienten mit komplexen Schmerzerkrankungen bei.

Medizinischer Werdegang

Dr. med. Dr. sc. Tomislav Kovačević ist Facharzt für Anästhesiologie und spezialisiert auf interventionelle Schmerztherapie. Seine medizinische Ausbildung absolvierte er an der Medizinischen Fakultät in Osijek, gefolgt von einem PhD in Neurowissenschaften in Kooperation mit der McGill University in Montréal, Kanada, mit Schwerpunkt auf funktioneller Bildgebung und neurobiologischen Grundlagen von Schmerz und Depression.

Seine Facharztausbildung in Anästhesiologie absolvierte er in Deutschland. Anschliessend war er als Oberarzt am Kantonsspital Schaffhausen tätig und sammelte zusätzliche Erfahrung in der spezialisierten Schmerzmedizin an der Schmerzklinik Berlin.

Die subspezialisierte Ausbildung in interventioneller Schmerztherapie erfolgte in Zürich, wo er heute als leitender Arzt an der Schmerzklinik Zürich tätig ist und die Weiterentwicklung moderner, evidenzbasierter Behandlungskonzepte mitgestaltet.

Sein klinischer Fokus liegt auf minimal-invasiven Verfahren sowie neuromodulatorischen und regenerativen Therapien bei chronischen Schmerzsyndromen. Dabei verfolgt er einen integrativen Ansatz, der medizinische, funktionelle und psychosoziale Aspekte der Schmerzbehandlung verbindet.

Neben seiner klinischen Tätigkeit engagiert sich Dr. Kovačević in der Forschung und Lehre. Er ist Privatdozent an der Universität Osijek und hat mehrere wissenschaftliche Arbeiten publiziert. Zudem hat er ein MBA-Studium abgeschlossen, um medizinische Qualität und moderne Versorgungsstrukturen strategisch weiterzuentwickeln.

Interview mit Dr. med. Tomislav Kovačević

Herr Dr. Kovačević, Sie haben sich früh mit Neurowissenschaften beschäftigt. Welche Rolle spielt dieses Wissen heute in Ihrer Arbeit?

Die Neurowissenschaften helfen vor allem dabei zu verstehen, dass Schmerz kein rein strukturelles Problem ist. Viele Patientinnen und Patienten haben auffällige Bildgebung – und trotzdem erklärt das die Beschwerden oft nur unzureichend.

Schmerz entsteht durch komplexe Prozesse im Nervensystem, die durch biologische, psychologische und soziale Faktoren beeinflusst werden. Dieses Verständnis ist zentral, wenn man nicht nur Symptome behandeln, sondern sinnvolle Therapiestrategien entwickeln will.

 

Warum haben Sie sich für die Schmerzmedizin entschieden?

Mich hat interessiert, dass es in der Schmerzmedizin selten einfache Lösungen gibt. Viele Patientinnen und Patienten kommen nach einem langen Verlauf mit bereits zahlreichen Behandlungen.

Das macht die Arbeit anspruchsvoll, aber auch relevant. Es geht nicht darum, „noch eine Therapie“ anzubieten, sondern zu verstehen, was bisher nicht funktioniert hat – und darauf aufbauend einen strukturierten, realistischen Behandlungsplan zu entwickeln.

 

Sie arbeiten interventionell. Welche Rolle spielen solche Verfahren in Ihrem Alltag?

Interventionelle Verfahren sind ein wichtiger Bestandteil, aber nicht die Lösung für alles.

Wir setzen gezielte Infiltrationen ein, zum Beispiel an Facettengelenken oder Nervenwurzeln, ebenso Verfahren wie Radiofrequenztherapie oder – in ausgewählten Fällen – neuromodulative Verfahren.

Entscheidend ist die richtige Indikation. Eine Infiltration ist dann sinnvoll, wenn sie eine klare diagnostische oder therapeutische Konsequenz hat. Ohne klares Konzept führt sie selten zu einem nachhaltigen Ergebnis.

 

Was ist Ihnen im Umgang mit Patientinnen und Patienten besonders wichtig?

Viele Patientinnen und Patienten haben bereits eine lange medizinische Vorgeschichte. Entsprechend wichtig ist es, zuerst zu verstehen, was bisher gemacht wurde und wie die Beschwerden verlaufen sind.

Ein zentraler Punkt ist auch, realistische Ziele zu definieren. In der Schmerzmedizin geht es häufig nicht um vollständige Schmerzfreiheit, sondern um eine Verbesserung der Funktion, Belastbarkeit und Lebensqualität.

Eine klare Kommunikation ist dabei entscheidend – auch wenn das bedeutet, Erwartungen zu korrigieren.

 

Wie sehen Sie die Entwicklung der modernen Schmerzmedizin?

In den letzten Jahren hat sich vor allem im interventionellen Bereich viel entwickelt. Wir haben heute präzisere Techniken und mehr Möglichkeiten, gezielt in Schmerzmechanismen einzugreifen.

Gleichzeitig wird immer deutlicher, dass isolierte Massnahmen oft nicht ausreichen. Der grösste Nutzen entsteht meist durch die Kombination verschiedener Ansätze – medizinisch, physiotherapeutisch und psychosozial.

Die Herausforderung besteht darin, diese Bausteine sinnvoll zu kombinieren und individuell anzupassen.

 

Wo liegen aus Ihrer Sicht die Grenzen der Schmerzmedizin?

Nicht jeder Schmerz lässt sich vollständig behandeln. Das ist eine Realität, die sowohl für Patientinnen und Patienten als auch für Behandelnde manchmal schwierig ist.

Ein Teil der Arbeit besteht deshalb darin, gemeinsam Strategien zu entwickeln, wie trotz anhaltender Beschwerden wieder mehr Funktion und Lebensqualität erreicht werden kann.

Das erfordert oft mehr als medizinische Interventionen allein.

 

Wie schaffen Sie Ausgleich zum klinischen Alltag?

Ich beschäftige mich in meiner Freizeit unter anderem mit Fotografie. Dabei geht es für mich weniger um Technik als um Wahrnehmung – also darum, Details zu sehen, die im Alltag leicht übersehen werden.

Das ist auch im klinischen Kontext relevant: Oft sind es kleine Unterschiede in der Anamnese oder im Verlauf, die für das Verständnis eines Schmerzproblems entscheidend sind.